Strategische Masterplanung – ein ganzheitlicher Entwicklungsprozess in 6 Phasen

Kurze Innovationszyklen, volatile Märkte - die Flughafenbranche wird immer dynamischer. Wie lassen sich unter diesen Bedingungen überhaupt noch langfristige strategische Entwicklungen planen? So viel ist sicher: Eine kluge Masterplanung muss die permanente Veränderung mitdenken. Das geht nicht ohne neue iterative Ansätze. Als Spezialisten für strategische Masterplanung von Flughafeninfrastrukturen arbeiten wir bei amd.sigma seit Jahren daran, unsere Methoden der hohen Dynamik unserer Branche anzupassen. Im ersten Teil unserer Artikelserie stellen wir die Grundlagen der strategischen Masterplanung vor.

Flughafenentwicklung ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe geworden: Die Nachfrage nach Flugreisen wächst kontinuierlich, gleichzeitig sind die Flächen für den Ausbau der Infrastruktur auf fast allen europäischen Flughäfen nahezu ausgeschöpft. Entwicklungsvorhaben bewegen sich meist in engen rechtlichen und ökonomischen Rahmen. Und fast immer geht es um Investitionen in zwei- oder dreistelliger Millionenhöhe, die ihre Auswirkungen über 15 bis 20 Jahre entfalten. Hinzu kommt: Die Zukunftsplanungen von großen Infrastrukturprojekten wie Flughäfen stehen unter kritischer Beobachtung von Politik, Medien und Öffentlichkeit.

Unter diesen Vorzeichen darf sich Flughafen-Masterplanung heute nicht mehr allein auf klassische, überwiegend lineare Berechnungs- und Herleitungsmethoden verlassen, sondern muss ganzheitlicher angelegt sein.

Masterplanung als strategisches Entwicklungsinstrument

Die gebaute Infrastruktur ist die „Hardware“ jedes Flughafens. Sie muss den immer schneller wechselnden Anforderungen gerecht werden. Aufgabe der Masterplanung ist es, das optimale Szenario für die langfristige Entwicklung eines Flughafens herauszuarbeiten. Wie könnte diese Hardware in 15 Jahren aussehen? Welche Schritte sind dazu in den kommenden Jahren notwendig? Am besten gelingt das, wenn verschiedene Entwicklungsvarianten systematisch gegeneinander abgewogen werden. Zudem gilt es, die oft widerstreitenden Anforderungen aller beteiligten Stakeholder zu einem bestmöglichen Kompromiss zu verdichten.

In der Masterplanung muss auch dafür gesorgt werden, dass die zukünftige Hardware jederzeit den Anforderungen der „Software“, der Betriebsprozesse entspricht. In der Regel reicht es heute nicht mehr aus, den Bedarf an Infrastruktur für Prozesse wie Check-In oder Sicherheitskontrollen linear hochzurechnen – denn vielerorts fehlt es schlicht an Ausbauflächen. Vielmehr bedarf es intelligenter Strategien, um Prozesse in Zukunft zu optimieren. Da europäische Flughäfen sich selbst finanzieren müssen, kann das Resultat eines Masterplanprozesses letztlich nur dann tragfähig sein, wenn auch Wirtschaftlichkeitsaspekte berücksichtigt sind.

Es zeigt sich immer deutlicher: Masterplanung ist das zentrale strategische Entwicklungsinstrument jedes Flughafens. Der Masterplan ist die Bühne, auf der alle die Zukunft des Flughafens betreffenden Themen miteinander abgeglichen und zu einer Lösung entwickelt werden.

Phasenmodell des Masterplan-Prozesses

Aus über 15 Jahren Erfahrung haben wir bei amd.sigma einen Masterplan-Prozess in 6 Phasen entwickelt. Dieser dauert in der Regel 8 bis 12 Monate. Jede Phase schließt mit abgestimmten Zwischenergebnissen und Entscheidungen ab, die in einem Workshop allen beteiligten Stakeholdern vorgestellt werden.

Phase 1: Projektorganisation

Zu Beginn des Projektes setzen wir uns mit den Zielen und Anforderungen auseinander. Zudem führen wir mit den wichtigsten Stakeholdern Einzelinterviews, um deren Situation möglichst gut zu verstehen. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse gleichen wir mit unserer Erfahrung aus anderen Masterplan-Projekten ab und entwerfen einen Vorschlag zur Projektorganisation. Gleichzeitig entwickeln wir erste Hypothesen zu möglichen Lösungsstrategien.
Diese Ergebnisse präsentieren wir dem Management des Kunden. Gemeinsam stimmen wir unsere Vorstellungen zu Projektinhalten und Projektablauf ab.
Anschließend veranstalten wir einen Kick-Off-Workshop, an dem neben dem Management auch sämtliche Stakeholder teilnehmen. Darin wird das vorbesprochene Vorgehen vorgestellt. Alle Teilnehmer können dazu Fragen stellen, ihren Standpunkt einbringen und Prioritäten vorschlagen.
Da unserer Erfahrung nach etwa die Hälfte der Teilnehmer noch nie in einen Masterplan-Prozess involviert war, stellen wir zunächst verschiedene Best-Practice-Beispiele vor, die das Verständnis für den Prozess verbessern und die Diskussion anregen.  

Zeitrahmen: 2-4 Wochen
Ziel: Gemeinsames Verständnis der Ist-Situation des Flughafens, der Ziele und des geplanten Prozesses des Masterplan-Projektes


Loesungsansaetze

Der finale Masterplan ist das Resultat eines iterativen Prozesses, der von skizzenhaften ersten Ideen über den Vergleich von drei unterschiedlichen Entwicklungsszenarien zu einem detaillierten Masterplan führt. Dieser zeigt die langfristige Entwicklung des Flughafens in 3-5 zeitlichen Phasen.

Phase 2: Analyse

In der Analyse bearbeiten wir vier Kernthemen:

  • Ist-Status des Flughafens
  • Zukünftiger Kapazitätsbedarf
  • Zukunftstrends in der Flughafenentwicklung
  • Hypothesen zu den strategischen Optionen des Flughafens


Die Analyse des Ist-Status beinhaltet einen Überblick über die ganze Flughafeninfrastruktur: Flächen, gegliedert nach Art (z. B. Flugbetriebsflächen, Gebäude, Gebäudeart), nach Nutzer oder nach Alter und Zustand. Zudem stellen wir die heutige Kapazität des Flughafens transparent dar: z. B. Anzahl der Flugzeugabstellpositionen, der Gates, Check-In-Schalter usw. Die Liste zeigt auch die heutige Prozesszeit jedes Prozessors. Viele dieser Informationen liegen bereits irgendwo in der Flughafenorganisation vor, müssen aber erst zusammengetragen, konsolidiert und validiert werden, um eine belastbare Planungsgrundlage zu bilden.

Die Analyse des zukünftigen Kapazitätsbedarfs geschieht auf Basis einer Verkehrsprognose und dem dazu gehörenden Planungsflugplan. Daraus errechnen wir den zukünftigen Spitzenstundenbedarf aller Prozessoren und für jede Entwicklungsstufe des Masterplans. Die Differenz zwischen diesen Werten und den bereits vorhandenen Kapazitäten ergibt die Kapazitätslücke, die durch eine kluge Masterplanung geschlossen werden muss. In dieser Phase müssen sich die Beteiligten auch darüber verständigen, welche Prozesse sich künftig optimieren lassen.

Für jedes Projekt erstellen wir einen individuellen Überblick über die Zukunftstrends in der Flughafenentwicklung. Dieser Überblick erweitert den Horizont aller beteiligten Stakeholder und ermöglicht erkenntnisreiche „Was-wäre-wenn“-Diskussion: Was würde es zum Beispiel für den Flughafen bedeuten, wenn in 15 Jahren die Hälfte aller Passagiere mit selbstfahrenden Fahrzeugen zum Flughafen kämen? Wie würden sich dann die Anforderungen an die Infrastruktur verändern? Welchen Einfluss hätte das auf Umsatz und Gewinn?

Als Abschluss dieser Phase stellen wir die Hypothesen zu den zukünftigen strategischen Optionen des Flughafens zusammen, die uns aufgrund der bisher gesammelten Informationen am plausibelsten erscheinen. Diese Optionen dienen als Grundlage für einen Workshops mit dem Management des Kunden und dem Masterplan-Kernteam, in dem die strategischen Ziele der Masterplanung festgelegt werden.

Zeitrahmen: 1-2 Monate
Ziel: Überblick über die für die zukünftige Flughafenentwicklung wichtigsten Rahmenbedingungen, Festlegen der strategischen Ziele der Masterplanung

Phase 3: Sammeln von Lösungsansätzen (Grobszenarien)

Nachdem in den ersten zwei Projektphasen die Rahmenbedingungen, Erwartungen und Ziele mit allen Beteiligten geklärt wurden, dient die Phase 3 dazu, mögliche Lösungen zu erarbeiten. In einem unserer letzten Masterplan-Projekte haben wir zum Beispiel 15 verschiedene Entwicklungsansätze skizziert, die zeigten, wie sich der Flughafen in den nächsten 25 Jahren entwickeln könnte.

Freihand-Skizzen sind eine ideale Möglichkeit um erste Ideen zu sammeln. Sie liefern schnelle Resultate und verhindern, dass man sich zu früh in Details verliert.

Für den Entscheidungsprozess ist es wichtig, dass ausnahmslos alle Ansätze diskutiert werden ? auch Lösungen, die auf den ersten Blick radikal oder unrealistisch erscheinen. Denn je transparenter der Auswahlprozess geführt wird, desto höher ist die Akzeptanz seitens aller Stakeholder, wenn schließlich einzelne Lösungsansätze selektiert werden.

Zeitrahmen: 1 Monat
Ziele: Betrachtung aller möglichen Entwicklungsrichtungen und Auswahl der drei aussichtsreichsten Lösungsansätze

Phase 4: Alternative Entwicklungsszenarien

In dieser Phase werden die drei vielversprechendsten Lösungsansätze jeweils als ganzheitliche Szenarien ausgearbeitet. Der Detailgrad nimmt erheblich zu, Skizzen werden durch 3D-CAD-Modelle ersetzt. Zudem wird für jedes Szenario eine erste zeitliche Entwicklung erarbeitet, die den Zustand des Flughafens in drei Schritten zeigt, z. B. in 5, 10 und 20 Jahren. Zu jedem Szenario gehört ein korrespondierendes Kapazitätsplanungs-Modell und ein grobes Businessplan-Modell, das die Wirtschaftlichkeit darstellt.

3D-CAD-Modelle

Der Detailgrad nimmt in Phase 4 erheblich zu. Skizzen werden durch präzise 3D-CAD-Modelle ersetzt, aus denen wiederum die 2D Pläne generiert werden.


Die Methode, mehrere Lösungen parallel zu entwickeln, miteinander zu vergleichen und zu bewerten, bringt die Masterplanung aus unserer Sicht entscheidend voran. Komplexe, langfristige und riskante Entscheidungsprozesse werden versachlicht und mit wirtschaftlichen Prognosen untermauert

Gerade das Businessplan-Modell spielt dabei eine zentrale Rolle: Denn die wirtschaftlichen Auswirkungen einer Planungsidee werden sofort sichtbar und können im Entscheidungsprozess berücksichtigt werden. Zudem deckt das Businessplan-Modell oft Unstimmigkeiten oder Lücken in der Strategie einzelner Geschäftsfelder auf. Modellrechnungen wie diese sind erheblich belastbarer als reine Kostenschätzungen, wie sie oft im Rahmen von Masterplanungen erstellt werden. Die Geschäftsführung wird in die Lage versetzt, eine vernünftige Abwägung zwischen wünschenswerten Infrastrukturausbauten und wirtschaftlich machbaren Lösungen zu treffen.

Zum Schluss der Phase werden alle drei ausgearbeiteten Entwicklungsszenarien wieder umfassend bewertet.

Zeitrahmen: 2-3 Monate
Ziele: Aus den drei Szenarien dasjenige auszuwählen, das den besten Kompromiss bietet im Hinblick auf rechtliche Umsetzbarkeit, Flexibilität, Angebot für Mitarbeiter, Fluggesellschaften und Passagiere sowie Wirtschaftlichkeit.

Phase 5: Finaler Masterplan

Das in Phase 4 selektierte Szenario wird nun fertig ausgearbeitet. Insbesondere werden die Planungen für die einzelnen Zeitabschnitte, die in der vorausgegangenen Phase nur grob skizziert wurden, konkretisiert.

Lag der Fokus der Masterplanung bisher auf der Entwicklung einer langfristigen Zielvorstellung, widmet sich die Phase 5 vor allem den kurz- und mittelfristigen Entwicklungsmaßnahmen der nächsten 5 bis 10 Jahre. Ziel ist es, für diese Maßnahmen einen konkreten Plan vorzulegen, der den Handlungsrahmen für alle Beteiligten am Flughafen definiert. Die langfristige Entwicklung des Flughafens (10 bis 20 Jahre) sollte hingegen möglichst viel Flexibilität zulassen.

Terminal Layout

In den meisten Masterplan-Projekten untersuchen wir bereits erste grobe Konzepte zu einem möglichen Terminal-Layout. Viele Annahmen des Kapazitätsmodells und des Businessplans können nur so validiert werden.

Der finale Masterplan beinhaltet:

  • Lageplan für jeden der drei Entwicklungsschritte
  • Kapazitätsmodell mit einem Abgleich der ursprünglich ermittelten Bedarfskapazitäten und den Kapazitäten des finalen Masterplans
  • Businessplan-Modell mit CAPEX (Kostenschätzung), OPEX (Schätzung der zukünftigen Betriebskosten) sowie Schätzung der zukünftigen Erträge
  • In den meisten Masterplänen untersuchen wir in der Phase auch bereits erste grobe Konzepte zu einem möglichen Terminal-Layout. Dies insbesondere auch deswegen, weil viele Annahmen des Kapazitätsmodells und des Businessplans nur so validiert werden können (z. B. die zukünftige Retail-Fläche im Terminal oder die benötigte Menge der Sicherheitskontrollen).
  • Renderings als Instrument der internen und externen Kommunikation der Masterplanergebnisse.


Zeitrahmen: 2-3 Monate für den finalen Masterplan und 1-2 Monate für das Terminal-Konzept
Ziel: Ausarbeiten des finalen Masterplans und ganzheitliches Darstellen der baulichen Entwicklung in den nächsten 10 bis 20 Jahren

Phase 6: Ergebnisbericht

Die Resultate des Masterplan-Prozesses werden in einem Ergebnisbericht zusammengefasst. Der Bericht beschreibt die Ausgangslage, die wichtigsten Annahmen der Planung sowie den Entscheidungsprozess. Üblicherweise wird er in drei Versionen erstellt, die jeweils auf eine spezifische Empfängergruppe zugeschnitten sind:

  • Summary Presentation: Für die Kommunikation in Aufsichtsgremien oder externen Stakeholdern, wie z.B. Airlines
  • Summary Report: Kurzbericht für das Management des Flughafens (30-50 Seiten)
  • Technischer Bericht: Langfassung des Berichts, umfassende Dokumentation des Masterplan-Prozesses.


Neben der Dokumentation steht die empfängergerechte Kommunikation des Masterplans an alle internen und externen Stakeholder im Mittelpunkt der Phase 6. Eine weitere Aufgabe ist es, eine grobe Organisationsstruktur für die Umsetzung der Masterplan-Resultate zu konzipieren: Projektorganisation, Budgets, Zeitpläne. In der Regel verlangen heute Aufsichtsgremien ein solches Konzept als Basis für eine Freigabe der Umsetzung.

BER

BER

Renderings sind wichtige Instrumente der internen und externen Kommunikation der Masterplanergebnisse.

Zeitrahmen: 1 Monat
Ziel: Dokumentation und Kommunikation der Masterplan-Ergebnisse


Neugierig, welche Praxiserfahrungen hinter dem Modell stecken? Lesen Sie im zweiten Teil unserer Artikelserie: Lessons learned? Praxistipps aus zehn Jahren Masterplanung.

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Verfasser Oliver Hebeisen ist Partner bei amd.sigma. Er hat 30 Jahren Berufserfahrung in der Planung von komplexen Projekten. Seid 2005 hat er sich auf Flughäfen spezialisiert.

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Strategische Masterplanung in 6 Phasen


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