4/2020

Digitale Strategien in der Flughafenplanung

Digitalisierung als Chance nutzen

Laut Prognose der Internationalen Luftverkehrsorganisation IATA wird sich der Luftverkehr trotz anhaltender Klimadebatten in den nächsten 20 Jahren verdoppeln. Kaum vorstellbar, dass die Flughafeninfrastruktur im selben Zeitraum ähnlich stark ausgebaut wird. Ein solcher Ausbau wäre schwer finanzierbar und vielerorts sind freie Flächen ausgeschöpft.

Hinzu kommt, dass langfristige Planungs- und Genehmigungsprozesse oft eine schnelle Umsetzung von Ausbauprojekten verhindern. Flughafeninfrastrukturen müssen künftig weiterhin bedarfsgerecht geplant werden. Allerdingst spielt die digitale Integration dabei eine immer wichtigere Rolle.


Derzeit erleben Passagiere sowohl innerhalb eines Flughafens als auch während ihrer gesamten Reise verschiedenste digitale Konzepte, Systeme und Anwendungen. Doch wie lässt sich die Digitalisierung in die Flughafenmasterplanung und die Projektentwicklung so integrieren, dass Prozesse für den Flughafenbetreiber und dessen Stakeholder profitabler und für den Passagier reibungsloser und angenehmer verlaufen?

Vorzüge von Digitalisierung

Die Anwendung neuer digitaler Technologien im Flughafenbereich hat viele Vorteile. Um nur einige Beispiele zu nennen:

  • Werden personengebundene Daten automatisch bereitgestellt, können die Behörden Passagiere verlässlicher prüfen und den Austausch besser planen. Dadurch erhöht sich insgesamt die Sicherheit.

  • Viele Prozesse lassen sich durch Digitalisierung effizienter und schneller gestalten, was wiederum den Durchsatz an Passagieren und Gepäck erhöht und so den Flächenbedarf reduzieren kann.

  • Die Digitalisierung kann dazu beitragen, dass Passagierprozesse stabiler, zügiger und störungsfreier verlaufen, darin steckt ein großes Potential für Kostenreduzierung. Andererseits können Passagiere schnell durch die Terminals geführt werden, um die Aufenthaltszeit auf den Markplätzen zu erhöhen und die Erlöse im Non-Aviation-Bereich zu steigern. Zudem könne operative Transaktionen genutzt werden, um zusätzliches Geschäft durch den Verkauf von Zusatzleistungen zu generieren (Ancillary Revenues).

  • Flughafenbetreiber haben ein Interesse daran, den Aufenthalt der Fluggäste so stressfrei und angenehm wie möglich zu gestalten, denn ein zufriedener Passagier trägt zu einem höheren Umsatz im Non-Aviation-Bereich bei.

  • Im Interesse von Airlines liegt es, Verspätungen vermeiden, um eine höchstmögliche Anzahl von Rotationen zu sichern. Passagiere sollen frühzeitig am Gate sein, damit ein schnelles Ein- und Aussteigen gewährleistet ist.

  • Die Bedürfnisse der Passagiere sind von Zweck und Länge der Reise abhängig. Grundlegend gilt, dass jeder Passagier schnell, sicher und pünktlich abfliegen und ankommen möchte. Dabei ist es dem Passagier als Endkunden egal, wer eine digitale Dienstleistung betreibt.

Herausforderungen und Chancen

Eine der größten Herausforderungen bei der Einführung von digitalen Konzepten und Systemen für die Flughafenwelt besteht darin, einen ganzheitlichen und passagierbezogenen Ansatz zu verfolgen. Allerdings fehlt bereits bei der Planung oft die Bereitschaft, neue Technologien zu berücksichtigen. Dies liegt unter anderem an der Komplexität, die der digitale Wandel mit sich bringt. Zudem sind Verantwortlichkeiten häufig unklar. Rechtliche Rahmenbedingungen müssen definiert werden, um einen effizienten und nutzbringenden Datenaustausch zwischen den Parteien zu ermöglichen.

Intelligent integriert bietet die Digitalisierung jedoch hervorragende Chancen für Flughäfen und alle Stakeholder. Flughäfen sollten zukünftig daher ihre Rolle als Infrastrukturdienstleister um die Rolle des IT- und Servicedienstleisters bei Bodenprozessen erweitern.

Wie könnte ein Flughafen der Zukunft ausschauen?

Als strategische Berater und Flughafenplaner begleiten wir Projekte, die von der Masterplanung bis zur Entwicklung von Gebäudekonzepten reichen. Um Komplexität zu bewältigen und Risiken zu minimieren, gehen wir das Problem von zwei Seiten an: Wir nutzen die Expertise unseres Teams und die Systematik von BIM. Beides kombiniert schafft den größten Mehrwert für die Kunden, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Check-In
Der Bedarf an weitläufigen Check-In-Hallen mit zahlreichen Schaltern und großzügigen Anstellflächen wird sich mit Einzug digitaler Lösungen deutlich verringern oder sogar entfallen. Durch automatisierte und mobile Anwendungen werden Passagiere in die Lage versetzt, den Check-In-Prozess größtenteils außerhalb des Flughafens abzuarbeiten. Automatisierte Bag-Drop-Schalter sind für das Gepäck vorgesehen. Alternativ sind Off-Airport Check-In Lösungen denkbar, in Partnerschaft mit Kurierdiensten oder spezialisierten Dienstleistern. So kann die Auslastung der Gepäckförderanlage besser vorhergesehen und gesteuert werden, wodurch sich der Flächenbedarf für technische Anlagen reduzieren ließe.

Sicherheitskontrolle
Die Sicherheitskontrolle gehört mit Abstand zu den stressvollsten Stationen für einen Passagier. Konfiguration und Leistungsvermögen von Sicherheitskontrollen an heutigen Flughäfen unterscheiden sich erheblich. Passagiere werden daher häufig gebeten, lange vor dem Abflug am Terminal zu sein, damit alle Fluggäste die Kontrollen rechtzeitig passieren können. Durch den Einsatz neuer Technologien, wie beispielsweise Computertomografen, können die Sicherheitskontrollen beschleunigt werden, wobei Technologie, Layout, Design und Prozesse aufeinander abzustimmen sind. Standardisierte Prozesse sowie geschultes und motiviertes Personal ermöglichen deutlich höhere Durchsatzzahlen.

Grenzkontrolle
Automatisierte und auf Biometrie-basierte Grenzkontrollen, die zum Teil schon weit verbreitet sind, haben den Prozess bereits wesentlich beschleunigt und das Passagiererlebnis verbessert. Durch die Verbindung zwischen Luft und Boden bei der Datenerhebung könnte die Effizienz weiter gesteigert werden. Einreiseformalitäten, wie beispielsweise das Ausfüllen von Anträgen für das Visa on Arrival, könnten bereits im Flugzeug mit Hilfe von personalisierten In-Flight-Entertainment-Systemen getätigt, biometrisch erfasst und an die Behörden am Zielort übermittelt werden.

Non-Aviation
Durch die Einführung neuer Technologien und eine permanente Prozessoptimierung lässt sich die Verweildauer der Passagiere genauer und verlässlicher vorhersehen. Die Passagiere können ihren Aufenthalt an Flughäfen effektiver planen und auf ein Minimum reduzieren. Negativ kann sich dies auf kommerzielle Aktivitäten und die Erlöse im Retail- und Gastronomiebereich auswirken. Hier sind kluge Ansätze für Retail- und Food&Beverage-Konzepte gefragt. Flughäfen können u.a. mit smarten „to-go“- oder „delivery to gate“-Konzepten punkten. Retail-Flächen könnten zukünftig als interaktive Erlebniszonen gestaltet werden, was eine Reduzierung von Lager- und Ausstellflächen  nach sich zieht.

Boarding
Boarding Gates könnten ebenfalls automatisiert werden, wodurch weniger Warte- und Anstellflächen benötigt würden. Stattdessen könnten diese Flächen stärker für Interaktion und Erlebnis genutzt werden, was sich wiederum positiv auf das Passagiererlebnis auswirken würde.

Gepäckabholhalle
Beschleunigen sich die Prozesse an den Grenzkontrollstationen, erhöht sich automatisch der Flächenbedarf in den Gepäckabholhallen, der Druck auf die Gepäckbereitstellung wächst. Dadurch droht der zeitliche Vorsprung, der bis hierher durch digitale Lösungen erreicht wurde, für den Passagier verloren zu gehen. Die Lösung liegt in einer klugen Zusammenarbeit mit Gepäcklieferdiensten, die den Aufenthalt in der Gepäckabholhalle obsolet macht.

Digitalisierungsstrategie in Realität umsetzen

Die digitale Transformation ist ein wesentlicher Bestandteil des zukünftigen Flughafen-Managements und für die strategische Ausrichtung eines Airports unverzichtbar. Um Flughäfen bedarfsgerecht für die Zukunft auszustatten, sind digitale Strategien bereits in den Masterplanprozess zu integrieren. Denn der Masterplan ist nicht nur ein technischer Entwicklungsplan, sondern auch Treiber der strategischen Ausrichtung eines Flughafengeschäftsmodells. Wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Digitalisierungsstrategie sind:

  • Digitale Lösungen müssen von allen Beteiligten mit größter Entschlossenheit verfolgt und als sinnvolle und effiziente Lösung von Kapazitätsproblemen gesehen werden.

  • Digital & IT Capex müssen als wesentlicher Bestandteil des Gesamtinvestitionsprogramms angesehen werden. Der Anteil an Investitionen in IT, Prozessoptimierung und Training sollte gegenüber dem klassischen Capex erhöht werden.

  • Technische und Infrastrukturlösungen funktionieren nur, wenn sie durch Prozessoptimierung und Training des Personals unterstützt werden. Mit der Einführung von digitalen Technologien reduziert sich die persönliche Interaktion – daher wird das Training des Personals umso wichtiger.

  • Sogenannte Datensilos zwischen Flughafenbetreiber und dessen Stakeholdern sind abzubauen, um einen effizienten Datenaustausch zu gewährleisten.

  • Flughafenbetreiber sind nicht nur für die Infrastruktur verantwortlich, sondern stellen IT- Infrastruktur zur Verfügung und sind ebenso Prozessdienstleister.

Fazit: Digitalisierung als ganzheitliche Strategie

Digitalisierung ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern bedarf einer ganzheitlichen, unternehmensweiten, alle Bereiche umfassenden Strategie, die sowohl die Ziele wie auch die Umsetzung der Digitalisierung definieren muss. Diese Strategie ist eine Management-Aufgabe, die von diesem vorgelebt werden muss. Sie kann nicht den einzelnen Fachabteilungen überlassen werden. Sicher ist, dass die Flughafenplanung zusammen mit der Digitalstrategie als strategische Ausrichtung eines Flughafens künftig weiter an Bedeutung gewinnt.

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Adam Symalla

Adam Symalla ist Senior Consultant mit mehr als 15 Jahren Berufserfahrung in Flughafenplanung und -management.
Er ist amd.sigma´s  Experte für Projektplanung mit starkem Passagierbezug.

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